Ein Nachruf auf mein Lieblingsevent.

Eigentlich habe ich jetzt schon fast keinen Bock mehr. Es regnet in Strömen und ich bin unendlich müde. Auf der Landstraße sammelt sich das Regenwasser zu dicken Pfützen, die meterhoch spritzen, wenn ich sie durchfahre. Das kann ja was werden! Bei meinem Glück hört es auch den ganzen Tag nicht auf, mit dem verfluchten Dauerregen. Ich kaue wie wild auf dem staubtrockenen Müsli herum, welches ich auf meinem Schoß in einer Schüssel balanciere und mir Löffel für Löffel reinzwinge. Mein kleiner Polo rauscht komplett einsam durch die platte nordeutsche Landschaft. Zwar hält so ein „Schietwetter“ den norddeutschen Landbewohner nicht davon ab, aus dem Haus zu gehen, aber die Tatsache, dass es Sonntag früh um 4:45Uhr ist, mit Sicherheit. Ich sehe nicht einen Menschen weit und breit. Die kleinen Dörfer liegen komplett bewegunglos am Straßenrand. Mein Ziel ist der kleine Kurort Damp, an der wunderschönen Ostseeküste. Obwohl ich in Kiel wohne und damit nun wirklich aus der unmittelbaren Umgebung komme, bin ich noch nie zuvor dort gewesen. Kein Wunder; gilt das Gebiet doch eher als Renterausflugziel und Erholungskurort für bestimmte Krankheitsbilder. Hier kommt man also eigentlich nur her, wenn es mit der Gesundheit nicht mehr zum Besten steht oder man dringend einmal raus muss. Umso besser für die Umgebung, dass der Ort durch eine Ausdauerveranstaltung, wie eine Mitteldistanz, einen neuen Anstrich bekommt.

Die Parkplätze sind schon gut gefüllt, als ich mich in eine der letzten Parklücken schiebe. Zum Glück hat der Regen größtenteils nachgelassen, es tropft nur noch vereinzelt von den Bäumen. Kurz bleibe ich noch auf dem warmen Sitz sitzen, träume von meinem warmen Bett und esse mein Müsli. Die Wechselbeutel habe ich in der Nacht fertig gepackt, Fahrrad bereits gestern, nach der Arbeit – kurz vor Knapp – abgegeben. Im Gegensatz zu Veranstaltungen anderer namenhafter Veranstalter, war der Check-In sehr entspannt und problemlos. Ohne Nachfrage wurde mir bei der Radaufgabe eine Abdeckhaube für meinen Drahtesel gegeben und mir beim Aufpumpen und Nachjustieren einiger Teile am Fahrrad geholfen. Heute bin ich viel zu früh dran und kann mir ein wenig Zeit lassen. In Ruhe checke ich alles noch einmal durch und lege all meine Utensilien aus den Beuteln vor mir auf die nasse Straße. Dies ist inzwischen mein kleines Ritual. Ich kann die Beutel auch tausendmal am Tag vorher gecheckt haben. Vor dem Rennen packe ich alles noch einmal aus und gehe es nacheinander Teil für Teil durch. Irgendwie beruhigt mich das. Mein Trainingsstand lässt ja ansonsten auch genug Gründe zum Sorgen machen übrig.

Der Inhalt der Beutel passt so weit. Das Nötigste ist drin und ich bin bereit und auch heiß darauf, hier alles zu geben. In der Wechselzone entblättere ich mein Rad von der nassen Abdeckhaube und checke es noch einmal auf eventuelle Unzuverlässligkeiten. Ein platter Reifen bedeutet heute für mich das Aus, denn natürlich habe ich kein Wechselzeug dabei. Außerdem bin ich dafür nicht in Stimmung. Soll es heute mit einem Platten enden, dann endet es halt mit einem Platten.

Die Wechselzone lässt sich sehen

Auch bei diesem Event werden unzählige teure Schüsseln in die Materialschlacht geschickt. Einige der aufgestellten Rennräder haben mehr mit Raumschiffen gemeinsam, als mit dem allgemein bekannten Zweirad. Doch erstaunlicherweise sind bei dem heutigen Event, die Reiter dieser Teile, außergewöhnlich nett. Bei vielen anderen  Triathlonevents sind wir schon auf sie gestoßen: Ein Körper wie eine Pfeilspitze, vom Material besser ausgestattet, als der amtierende Weltmeister und arrogant wie Sau. Mit denen ist nicht gut Kirschen essen, denn dafür sind sie auch nicht hier. In ihren Blicken liegt immer eine Mischung aus Abscheu und Arroganz, aber auch Konzentration und extreme Fokusierung. Ich habe natürlich Verständnis für absolute Passion gegenüber dieser Sportart, kann aber nicht verstehen, wieso man dabei nicht hin und wieder auch mal lächelt.

Dementsprechend bin ich ein wenig überrascht, dass in dieser Wechselzone äußerst fidel gequatscht wird. Ein reger Austausch, wie unter Freunden, mit dezenter Aufregung liegt in der Luft und wird lauter mit jeder Minute, die wir dem Start näher kommen. Ich lerne einen Schuldirektor kennen, der das erste mal seit 20 Jahren wieder an einem Triathlon teilnimmt und mir gleich seine alten Tricks zeigt. Unter Anderem, wie man einen Neo anzieht, ohne ihn dabei mit den Füßen kaputt zu treten. (´Nen orangenen Hundekotbeutel zieht er sich beim Einsteigen, in den engen Anzug über die Füße. Machen wohl einige so. Mir ist das neu!) Eine Truppe Krankenschwestern im gleichfarbigen Einteiler schenken mir noch einen Energieriegel und ein Gel, bevor sie sich vor Aufregung kreischend zum Einschwimmen in die kalten Fluten der Ostsee werfen. Ich starte durch die netten Bekanntschaften beseelt in die weiteren Vorbereitungen für den Wettkampf.

Es hat sich eingeregnet

Die Ostsee ist an diesem regnerischen Tag ungemein rau und beim Eintauchen bemerke ich – auch ARSCHKALT. Der Weg mit den nackten Füßen über den nassen Sand lässt es schon erahnen. Mir bleibt fast die Luft weg, als das kalte Wasser bestimmte Stellen meines Körper umspült. Das gibt es doch nicht! Mein Neo scheint mir heute nur Auftrieb zu geben, denn gegen diese Temperaturen ist er absolut machtlos. Einige Meter gönne ich mir, um in Bewegung zu bleiben. Doch dann zieht es mich direkt wieder an den Strand. Ich möchte eigentlich möglichst wenig Zeit in dieser lebensunfreundlichen Umgebung verbringen – am liebsten wäre mir : gar keine! Am Startpunkt haben sich, auch trotz des schlechten Wetters, einige Schaulustige hinter der Startlinie im nassen Sand von Damp versammelt.

Der Startschuss für den Massenstart knallt und der Wind sorgt dafür, dass die Geräusche schnell von unseren Ohren weggetrieben werden. Das Gejohle der kleinen Menschentraube, die sich um uns versammelt hat, kommt bei mir gar nicht erst an. Ich laufe los. Wieder stürze ich mich unter die Oberfläche der rauen Ostsee. Wieder dringt die Kälte in jede Pore meines Körpers und lässt mich sofort zweifeln! Daran zweifeln, dass ich die Strecke von immerhin 1,9 Kilometer wirklich in dieser Kälte überstehen kann und daran, was ich überhaupt bei diesen Temperaturen draußen zu suchen habe. Doch zu meiner Überraschung gewöhne ich mich sehr schnell an den Frost und das Klirren der Kälte in meinen Ohren. Dem Menschen-Gewühle entkomme ich jedoch nicht so leicht. Immer wieder muss ich den Kopf aus dem trüben Wasser heben und mich im Feld zwischen den hohen Wellen neu orientieren. Ellenbögen und Füße treffen einen ständig unerwartet am Kopf und erschweren einem auf der Zielgeraden zu bleiben. Nach einer guten halben Stunde schleppe ich mich, komplett durchgefroren, aus dem Hafenbecken von Damp. Ich mache mich sofort vom Ausstiegspunkt auf den Weg zur Wechselzone. Mein gesamter Körper kribbelt.

Nur mit Gewalt bekomme ich mich aus dem nassen Neo herausgezogen und in die Fahrrad Klamotten hinein. Mein Handtuch liegt natürlich Zuhause. Irgendetwas fehlt immer. Ein Herr, der mir im Wechselzelt gegenüber sitzt, erkennt meine Situation und leiht mir freundlicherweise seins. Die Kompressionssocken bekomme ich kaum über meine sandigen Eiszehnen gestülpt, aber nach guten 5 Minuten laufe ich dann doch noch zu meinem Fahrrad und schiebe es aus der Wechselzone. 90 km gegen Wind und Nieselregen stehen mir bevor. Trotz dieser trüben Aussicht auf die nächsten Stunden, habe ich ein gutes Gefühl in den Beinen. Nach dieser Kälteerfahrung fühlt sich der jetzige Zustand angenehm warm an. Meine Füße freuen sich über die engen Radschuhe und jedenfalls ein wenig Wärme. Aus dem Dorf heraus, geht es in vier wunderbar flache Runden, die man komplett in der „Aero-Position“ verbringen kann. Besser geht es eigentlich nicht. Ich trete, esse und trinke.

Eine Runde nach der Anderen ziehe ich und komme immer besser in Fahrt. Tatsächlich bin ich sogar auf dem Weg zu einer neuen persönlichen Bestzeit, bis ich plötzlich mit aller Macht auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werde. 3 km vor Ende fange ich mir einen Platten ein. Ich habe die Scherben an der Seite der Strecke auch in den Runden zuvor bereits gesehen und umfahren können, doch in der letzten verdammten Runde bin ich einen Moment zulange mit mir selbst beschäftigt und in Gedanken versunken. Die Luft entweicht augenblicklich aus meinem Gefährt und ich habe kaum noch Zeit abzusteigen, bis ich schon mit der Felge auf dem Asphalt hänge. Scheiße! Zuvor habe ich mir fest vorgenommen, dass ich aufhöre, falls ich eine Panne am Reifen haben sollte. Kein Gewechsel, kein Geschraube, kein Gepumpe. Ist der Reifen platt, fahre ich nach Hause und mache es mir auf dem Sofa bequem. Aber jetzt denke ich anders. Ich bin so nah dran. Zu nah dran, um einfach aufzugeben.

Ich stehe am Rand und beobachte wie in Trance die Fahrer, die mich einer nach dem anderen überholen. Meine Beine pochen von den Strapazen der letzten Stunden und ich merke erst jetzt, wie kühl es eigentlich ist. Ich bekomme eine Gänsehaut vom kalten Ostsee-Wind. Bevor ich überhaupt Zeit habe, weiter nachzudenken, beginne ich zu gehen und dann langsam zu laufen. Das Rad eiert auf dem platten Reifen neben mir her. Die Cleats meiner Schuhe klackern auf dem Asphalt, wie hochhackige Damen Schuhe. Drei Kilometer trennen mich von der Laufstrecke. Drei Kilometer, die ich jetzt nicht mehr als Hindernis akzeptieren möchte. Drei Kilometer, die mich vom nächsten Zwischenziel trennen. Ich fange an, noch schneller zu laufen. Jetzt möchte ich es mehr als vorher.

Von drei Kilometern lasse ich mir nicht sagen, dass hier jetzt Schluss ist.

Die Stimmung ist dafür gerade zu fantastisch, als ich mich großem Gestöckel und Geklacker endlich das Ende der Radstrecke erreiche. Mein Rad trage ich inzwischen auf meiner Schulter, weil ich es nicht länger ertragen kann, wie der platte Reifen auf dem Asphalt schleift. Eigentlich sollte es mich tragen, nun trage ich es halt. Das Wetter hat sich zum positiven gewendet und die Sonne hat sich sogar ihren Weg durch die Wolken gebahnt. Das Publikum trägt mich durch ihr Anfeuern. Die zusätzlichen Laufkilometer vor der eigentlichen Laufstrecke fordern jedoch ihren Tribut. Meine Achillesferse und die Waden brennen von dem, durch die Radschuhe bedingten, krummen Laufstil.

Der Halbmarathon kommt mir ein wenig unwirklich vor. Die Strecke ist schön! Sehr schön sogar. Man läuft zunächst auf sandigem Untergrund, direkt am Meer, dann kommt ein Straßenabschnitt mit sehr geringer Steigung. Die Meter laufen sich, vorbei an dem inzwischen reichlich angereisten Publikum und durch die eindrucksvolle Kulisse der Küste, fast von selbst. Ich versuche mich zu zügeln, in der Angst, dass es nur ein kurzfristiges Gefühl ist und ich gleich überpace. Nach den knapp 21km komme ich auf den roten Teppich und fühle mich prima. Was für eine schöne Veranstaltung! Das merkt man daran, dass ich trotz der 113 km immer noch lächle. Ich komme wieder! Keine Frage!

meine-sportfotos.de Foto #1783014 (c) Lars Schinkel

Leider haben sich die Veranstalter der Ostseeman Reihe und der Kurort Damp nicht drauf einigen können, dass die Veranstaltung ein weiteres Mal an diesem Standort ausgeführt wird. Dafür wurde jedoch vom Veranstalter das Kontigent für den Ostseeman Glücksburg 113 aufgestockt. Wenn die Veranstaltung auch nur halb so gut ist, wie die in Damp, dann lohnt sich eine Anmeldung auf jedenfall. Wir sehen uns an der Startlinie!

Zur Anmeldung für den Ostseeman 113 und für die Langdistanz in Glücksburg geht es hier entlang:

https://www.ostseeman.de/

GEWINNSPIEL+++GEWINNSPIEL+++GEWINNSPIEL+++

Zur Feier des Tages verlosen wir auf unserer Instagram Seite zwei Ostseeman Überraschungspakete mit coolen Merchandise Artikel aus der Ostseeman Reihe. Alles was ihr dafür tun müsst, um diesen Hauptgewinn einzusacken, erfahrt ihr auf unserer Instagram Seite. Viel Glück!

www.instagram.de/jrney.de

 

 

 

 

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